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Provokatives Coaching

Aktualisiert: 24. Dez. 2025

Mit Humor und Übertreibungen Blockaden lösen und Veränderungen anstossen.



Ich bin nun seit rund zehn Jahren als Coach tätig – und ich sage es ganz ehrlich: Es ist nicht immer nur „eitel Sonnenschein“. Es gibt diese Momente, in denen ich mit meinen Klient:innen feststecke. In denen sich das Gegenüber keinen Millimeter bewegt, in der Opferrolle verharrt oder die Verantwortung für die Veränderung komplett an mich delegiert. In solchen Momenten frage ich mich manchmal: Wer will hier eigentlich gerade dringender die Lösung – mein Klient oder ich?


Genau in einer solchen Phase des Zweifels bin ich auf den provokativen Ansatz gestoßen. Konkret: auf das Deutsche Institut für Provokative Therapie (DIP) und die Arbeit von Dr. Noni Höfner und Dr. Charlotte Cordes. Beim ersten Seminar hat es sofort „Klick“ gemacht. Es war ein bisschen wie Liebe auf den ersten Blick – nur eben beruflich. Es war die Befreiung von der Last, als Coach immer „vorsichtig“ und „belehrend“ sein zu müssen.


In diesem Beitrag erfahren Sie, was provokatives Coaching ist, welche Vorteile es bietet und wie es Menschen bei Veränderungsprozessen unterstützen kann.




Was ist provokatives Coaching?


Vielleicht schreckt Sie das Wort „provokativ“ im ersten Moment ab. Wer möchte schon in einer Beratungssitzung provoziert werden? Doch etymologisch betrachtet leitet sich der Begriff vom lateinischen provocare ab, was so viel bedeutet wie „herauslocken“. Es geht darum, Ihre inneren Widerstandskräfte, Ihren Eigensinn und Ihren gesunden Menschenverstand aus der Reserve zu locken.


Der entscheidende Unterschied zu anderen Methoden: Beim provokativen Arbeiten steige ich direkt in Ihr Weltbild ein – und zwar genau dort, wo Sie feststecken. Wenn Sie mir wortreich erklären, warum eine Veränderung „absolut unmöglich“ ist, widerspreche ich Ihnen nicht mit logischen Gegenargumenten. Stattdessen stimme ich Ihnen so vehement, kreativ und maßlos übertrieben zu, bis die Absurdität Ihrer eigenen Bremsklötze für Sie selbst sichtbar wird. Wir lachen dabei nie über Sie als Person, sondern wir amüsieren uns gemeinsam über die oft skurrilen Strategien, mit denen wir Menschen uns selbst im Weg stehen.



Grundlagen und Ursprung


Der Urvater dieser Methode ist der US-Amerikaner Frank Farrelly. Er entwickelte die Provokative Therapie in den 1960er Jahren während seiner Arbeit in einer psychiatrischen Klinik. Farrelly beobachtete, dass viele Patient:innen in einer passiven Rolle verharrten, wenn man ihnen nur mit unendlicher Empathie und Vorsicht begegnete. Sein revolutionärer Gedanke war: Menschen sind weitaus belastbarer und humorvoller, als die klassische Psychologie oft annimmt.


Farrelly basierte seine Arbeit auf drei zentralen Säulen, die auch heute im Coaching das Fundament bilden:

  1. Affektive Wärme (Benevolent Attitude): Ohne echtes Wohlwollen und eine tiefe Wertschätzung ist Provokation lediglich Aggression. Der Coach muss eine „liebevolle Bestie“ sein – hart in der Sache, aber herzlich im Kern.

  2. Herausforderung des Widerstands: Farrelly nutzte die sogenannte paradoxe Intention. Wenn man jemandem sagt: „Du darfst dich auf keinen Fall ändern, bleib genau so unglücklich wie du bist“, regt sich oft ein gesunder Trotz: „Doch, ich kann das sehr wohl!“

  3. Die heilende Kraft des Lachens: Humor ist kein bloßer Zeitvertreib, sondern ein kognitiver Befreiungsschlag. Wer über sein Problem lachen kann, hat bereits die Distanz gewonnen, die für eine Lösung nötig ist.


Dr. Noni Höfner und Dr. Charlotte Cordes haben diese Ansätze für den deutschsprachigen Raum und das moderne Coaching-Umfeld weiterentwickelt. Sie lehren, dass der Coach als „Anwalt des Teufels“ fungiert. Indem ich die Seite Ihrer Selbstzweifel einnehme, zwinge ich Sie dazu, selbst zum „Anwalt Ihrer eigenen Möglichkeiten“ zu werden.


Ein konkretes Praxisbeispiel: Die „unmögliche“ Entscheidung


Um die Methode greifbar zu machen, stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein Klient kommt zu mir, weil er seit Jahren unglücklich in seinem Job ist, aber behauptet, er könne „einfach keine Entscheidung treffen“.

  • Der klassische Ansatz: Wir würden mühsam Pro- und Contra-Listen erstellen, über Work-Life-Balance sprechen und Ängste analysieren. Das dauert oft Monate.

  • Der provokative Ansatz: Ich würde ihm vermutlich gratulieren: „Mensch, das ist ja fantastisch! Sie haben die perfekte Nische gefunden. Bleiben Sie unbedingt noch die nächsten 15 Jahre dort. Stellen Sie sich vor, wie herrlich es ist, wenn Sie mit 65 in Rente gehen und sagen können: Ich habe es geschafft, mein ganzes Potenzial erfolgreich zu unterdrücken. Das ist eine Form von Selbstdisziplin, die kaum jemand besitzt!“


Ich würde die Vorteile des Leidens so absurd ausmalen, bis der Klient instinktiv widerspricht: „Hören Sie auf! Das ist doch totaler Quatsch. Ich bin doch nicht blöd, ich habe sehr wohl Talente!“ In diesem Moment bricht die Starre. Der Klient verteidigt plötzlich nicht mehr sein Problem, sondern seine Kompetenz.



provokatives Coaching
Provokatives Coaching kann Klienten unterstützen festgefahrene Muster zu überwinden.

Methoden und Techniken

 

Die Grundidee des Provokativen Coachings ist es, Klient:innen aus ihrer Komfortzone herauszulocken. Beim provokativen Coaching werden bewusst unkonventionelle Ansätze verwendet, um Klient:innen dabei zu helfen, ihre Probleme auf eine humorvolle und spielerische Weise zu betrachten. Provokative Interventionen lassen sich problemlos in (fast) jede Beratungsform integrieren. Die wichtigsten Interventionen sind:


  • Provokative Fragen: Ein zentrales Element des provokativen Coachings ist das gezielte Stellen von Fragen, die den Denkprozess der Klientin oder des Klienten herausfordern. Diese Fragen zielen darauf ab, Selbstwahrnehmung und kritisches Denken anzuregen. So können beispielsweise festgefahrene Denkmuster identifiziert und hinterfragt werden.

  • Humor und Übertreibung: Es werden Humor und Übertreibungen gezielt eingesetzt, um die Klient:innen zum Lachen zu bringen und sie aus ihren gewohnten Denkmustern herauszulocken. Indem übertriebene Darstellungen verwendet werden, können Klient:innen erkennen, wie sie ihre eigenen Probleme oder Einschränkungen dramatisieren.

  • Herausforderung von Überzeugungen: Durch absichtlich provokante Aussagen oder Fragen werden Überzeugungen und Annahmen der Klienten hinterfragt. Dies kann dazu führen, dass Klient:innen ihre Denkmuster genauer betrachten und alternative Sichtweisen in Betracht ziehen.

  • Veränderung von Perspektiven: Durch das Einbringen unerwarteter Perspektiven, können Klient:innen dazu angeregt werden, ihre Probleme aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Dies kann zu überraschenden Erkenntnissen führen.

  • Positive Verstärkung: Es werden oft positive Verstärkungen, um die Stärken und Ressourcen der Klienten hervorzuheben verwendet. Dies kann dazu beitragen, das Selbstvertrauen und die Motivation der Klienten zu steigern.

  • Spiel und Kreativität: Provokatives Coaching beinhaltet oft spielerische Elemente und kreative Ansätze. Dies kann die Klient:innen ermutigen, ihre Probleme auf innovative und unkonventionelle Weise anzugehen.


Die Wirksamkeit provokativer Interventionen hängt maßgeblich vom Vertrauensverhältnis zwischen Coach und Klient ab. Ein erfahrener Coach achtet darauf, die Provokation so zu dosieren, dass sie zum Nachdenken anregt, ohne den Klienten zu überfordern. Die Kunst besteht darin, den richtigen Moment und Ton zu finden, um nachhaltige Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.



Die Regeln des provokativen Coaching


  • Die Person des Coachees und die Beziehung zwischen Coach und Coachee sind stabil.

  • Der Coach mag und respektiert den Coachee.

  • Der Coach glaubt an dessen Fähigkeit, sich zu verändern und lässt Veränderungsspielräume.

  • Der Coachee kennt die wohlmeinende Haltung des Coaches, er sieht im Coach einen Freund, der ihm die Wahrheit sagen kann.

  • Der Coach ist ausreichend qualifiziert! Provokationen nehmen nur einen geringen Anteil im Coaching ein.

  • Der Coach hat eine klare Intuition für die Grenzen von Provokationen und verfügt über ausreichende Werkzeuge, um auf direktem Weg die Vertrauensbasis zu stabilisieren.

  • Der Coach ist qualifiziert und erfahren genug, um auch minimale Veränderungen und Reaktionen des Coachees wahrzunehmen und entsprechend mit ihnen umzugehen.

  • Der Coach hat Humor und lacht nicht über den Klienten, sondern mit ihm zusammen über verständliche, akzeptierte menschliche Schwächen.

  • Der Coach will nicht eigenen Emotionen ein Ventil verschaffen.

  • Der Coach löst unangenehme Gefühle zeitnah auf und kann mit diesen umgehen.


Herausforderungen und kritische Aspekte


Emotionale Reaktionen

Provokative Interventionen können starke emotionale Reaktionen hervorrufen. Es ist daher essenziell, dass der Coach in der Lage ist, diese Reaktionen zu erkennen, angemessen darauf zu reagieren und den Klienten in einem sicheren Rahmen zu begleiten.


Auswahl der geeigneten Klientinnen und Klienten

Nicht jede Person reagiert gleich auf provokative Impulse. In manchen Fällen kann der Ansatz kontraproduktiv wirken, wenn beispielsweise ein mangelndes Vertrauensverhältnis besteht oder die Klientin bzw. der Klient nicht bereit ist, sich auf einen solchen intensiven Prozess einzulassen. Eine sorgfältige Einschätzung der Ausgangssituation ist daher unabdingbar.


Notwendigkeit fachlicher Kompetenz

Die Anwendung provokativer Techniken erfordert ein hohes Maß an fachlicher und persönlicher Kompetenz. Der Coach muss nicht nur in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen, sondern auch, auf eventuelle Krisensituationen professionell zu reagieren und den Coaching-Prozess verantwortungsvoll zu steuern.


Fazit: provokatives Coaching wirkt!


Provokatives Coaching stellt einen spannenden und wirksamen Ansatz dar, der sich vor allem durch seine Fähigkeit auszeichnet, tiefgreifende Veränderungsprozesse zu initiieren. Durch gezielte Provokationen werden Klientinnen und Klienten dazu angeregt, ihre bisherigen Denkmuster zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln. Trotz der zahlreichen Potenziale ist es unerlässlich, diesen Ansatz mit der nötigen Sensibilität und fachlichen Kompetenz anzuwenden, um die damit verbundenen Herausforderungen erfolgreich zu meistern.


Disclaimer: sollten Sie bei mir ein Coaching buchen, laufen Sie durchaus Gefahr, auch mit diesem Ansatzz in Berühung zu kommen ...



Weiterführend: https://provokativ.com



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