Selbstorganisierte Teams

Das Herzstück des agilen Arbeitens kompakt erklärt.



In einer komplexen, schnelllebigen Welt – die oft auch mit dem Akronym VUKA beschrieben wird: volatil, unsicher, komplex und ambigue - wird Agilität zu einem relevanten Erfolgsfaktor für Unternehmen und Organisationen.


Dabei findet Agilität gemäß der sogenannten „Agile Onion“ (siehe Erklärung hier) auf unterschiedlichen Ebenen statt: Werte, Haltung / Mindset, Prinzipien und Methoden.

Ein zentrales und grundlegendes Muster in allen agilen Methoden ist die Fähigkeit, sich selbst organisieren zu können. Tatsächlich sind selbstorganisierte Teams eines der Grundprinzipien des Agilen Manifests. Dieses besagt, dass „die besten Architekturen, Anforderungen und Designs von selbstorganisierten Teams stammen”.


Aber was sind selbstorganisierte Teams, was macht sie aus und wie arbeiten sie am besten zusammen? Welche Grenzen hat Selbstorganisation? Und wie können Teams zur Selbstorganisation gebracht werden? All dies erfahren Sie in diesem Blogartikel.

  • Was heisst eigentlich "Selbstorganisation"?

  • Rahmenbedingungen selbstorganisierter Teams

  • Selbstorganisation und agile Teams

  • Der Weg zur Selbstorganisation

  • Fazit



Was heißt eigentlich "Selbstorganisation"?


Insbesondere im Hinblick auf komplexe Aufgabenstellungen und in disruptiven Branchen wird der Ruf nach selbstorganisierter Arbeit und Teams laut. Aber was sind selbstorganisierte Teams eigentlich?


Selbstorganisierte Teams basieren auf verteilter Kontrolle und auf Interaktion statt autoritärer Führung einer Führungskraft. Selbstorganisation beschreibt Freiheitsgrade des Einzelnen im Team und den Grad an Autonomie eines Teams. Eine formelle Definition selbstorganisierter Teams gibt es nicht.


Selbstorganisation kommt nie als "scharz-weiss" oder "ja-nein" Kontrast, sondern erfährt in der Praxis verschiedene Ausprägung. Verallgemeinernd könnte man folgenden drei Stufen differenzieren: Auf der niedrigsten Stufe entscheiden die Teammitglieder eigenständig, wie sie ihre Arbeit am besten erledigen. Dabei ist die Entscheidung wirklich nur über das Wie. Auf der zweiten Stufe entscheiden die Teams zusätzlich auch über die Qualität der Arbeitsinhalte, setzen also eigene Standards und kontrollieren sich selbst. Auf der dritten Stufe agiert das Team nun eigenständig unternehmerisch und entscheidet über die eigenen Arbeitsinhalte, Ziele und Art der Bearbeitung. Auf dieser Stufe sind die Führungsrollen flexibel auf verschiedene Personen aufgeteilt.


Je nach Unternehmens- oder Teamkontext ist jeweils eine andere Stufe der Selbstorganisation passend. Die entscheidende Frage lautet daher immer: Wie viel Selbstorganisation ist für ein Unternehmen gut und wie viel Selbstorganisation ist überhaupt notwendig?



„Die Stärke des Teams ist jedes einzelne Mitglied. Die Stärke eines jeden Mitglieds ist das Team." (Phil Jackson)


Rahmenbedingungen selbstorganisierter Teams


Selbstorganisiertes Arbeiten von Teams erfordert stets auch entsprechende Rahmenbedingungen. Bei der Einführung von Selbstorganisation in einem Unternehmen oder einer Organisation sollten einerseits bestimmte Voraussetzungen fefüllt sein und andererseits sollte auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig eine Veränderung angegangen werden.


Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, um Selbstorganisation zu fördern?

Einige der Voraussetzungen für erfolgreich arbeitende, selbstorganisierte Teams sind:


Unternehmenskultur:

  • Vertrauenskultur: innerhalb eines vorgegebenen Rahmens können die Mitarbeitenden eigenverantwortlich entscheiden. Entscheidungen werden schneller getroffen und mit dem Vertrauen, das Mitarbeitenden entgegengebracht wird, steigt auch deren Motivation.

  • Fehlerkultur: weg vom Suchen nach einem Schuldigen hin zu einem Fehlerbewusstsein, der Fehlerakzeptanz, einer neutralen Fehlerkommunikation, Sanktionsfreiheit, einer gemeinsamen Fehleranalyse und der Veränderung von Verhalten und Umständen.

  • Feedback-Kultur: Feedback wertschätzend zu geben unterstützt die Entwicklung von Personen, Teams und der Organisation, denn auch Unternehmen haben ihr eigenen "blinden Flecken".

  • Es sollte höchste Transparenz in Entscheidungen und Prozessen vorhanden sein.


Führungskultur:

  • Entwicklung eines klaren Führungsleitbildes mit konkreten Verhaltensmustern: die Führungskraft wird mehr Teamentwickler*in und hat eine koordinierende und moderierende Rolle

  • Kultur des Machens und Dinge-Voranbringens: als Führungskraft werden Ziele verkörpert und eine Vernetzung vorangetrieben. So werden Silos aufgebrochen und Wissen geteilt.

  • Gemeinsame Weiterbildung (Teamworkshops) in der Interaktion von Führungskraft und Team in Fragen der Zusammenarbeit, Führung und der fachlichen Spielräume.

  • Mitarbeiterkompetenzen wie Kommunikation sollten gestärkt werden.

  • Sinn und Zweck der Aufgaben müssen im Team verstanden sein.

Mentale Gesundheit:

  • Ein Umfeld, in dem alle zur Höchstform auflaufen können: klare Regeln in der Zusammenarbeit schaffen Sicherheit (Psychologische Sicherheit)

  • Selbstbestimmt und selbstwirksam arbeiten zu können erfordert psychisch fit zu sein und die eigenen Emotionen gut regulieren zu können. Dies gilt für die Mitarbeitenden genauso wie für die Führungskräfte, denn für letztere ist gerade das Loslassen herausfordernd, denn innere Stimmen können sich melden, wie "Wer bin ich denn dann noch, wenn ich mein Team entscheiden lasse?", "Bin ich der neuen Führungskultur gewachsen?"


Zu große Freiräume und Selbstorganisation können zu einer Überlastung der Organisation führen. Gleichzeitig führt eine zu straffe Steuerung von Mitarbeitern, die eigentlich gestalterisch tätig sein sollen, dazu, dass eine Art Schattenorganisation entsteht und Mitarbeiter mühsam versuchen, um das System herum zu arbeiten. Hier würde eine erhöhte Selbstorganisation ein agiles und effizientes Netzwerk ermöglichen.


Wichtig erscheint mir auch der Hinweis, dass Hierarchien und selbstorganisiertes Arbeiten per se kein Widerspruch sind. Selbstorganisiertes Arbeiten kann auch in Strukturen mit hierarchischer Führung funktionieren. Jede Führungskraft muss für sich entscheiden, welcher Grad an selbstorganisiertem und eigenverantwortlichem Arbeiten für ihren Bereich geeignet ist.


„Große Entwicklungen in Unternehmen kommen nie von einer Person. Sie sind das Produkt eines Teams." (Steve Jobs)




Selbstorganisation und agile Teams


Selbstorganisierte Teams werden häufig auch als agile Teams bezeichnet, da ein grundlegendes Prinzip agilen Arbeitens die Selbstorganisation ist.

Agile, selbstorganisierte Teams sind durch ihre Eigenkomplexität, Beweglichkeit und innere Dynamik sehr gut aufgestellt, um mit Komplexität umzugehen. Sie können sich flexibel an verschiedene Arten von Aufgaben anpassen und zusätzlich auf Experten zugreifen. Führung atomisiert sich dabei in multiple Rollen, die auf Augenhöhe agieren, eine klassische Hierarchie ist nicht mehr erkennbar.


Das Team steuert sich selbst und folgt dabei einer gemeinsamen Vision. Es trifft die für operative Prozesse notwendigen Entscheidungen selbst. Die zugrunde liegende Idee der Agilität ist, dass Entscheidungen dort getroffen werden, wo auch die Kompetenzen vorhanden sind. Durch die Einbeziehung in den Entscheidungsprozess sind alle Beteiligten mit den Argumenten und dem Für & Wider vertraut und tragen die Entscheidungen mit (was bei hierarchischen Entscheidungen oft nicht der Fall ist). Empathie in der Kommunikation und gegenseitige Unterstützung und Kooperation prägen das Verhalten in agilen Teams.


Agile Teams haben laut der Beraterin und Führungskräfte-Expertin Svenja Hofert übrigens folgende 5 Merkmale:

  1. Teamentscheidungen

  2. Keine disziplinarischen Vorgaben

  3. Visualisierung des Workflows

  4. Iteratives Vorgehen

  5. Retrospektiven und Daily Stand-Ups


Der Autor und Bertaer Andreas Diehl formuliert hingegen folgende 10 Merkmale agiler Teams:

Agile Teams:

  1. ... arbeiten kundenzentriert

  2. ... haben ein Produkt

  3. ... sind rossfunktional und divers

  4. ... schaffen Wert

  5. ... sind diszipliniert und fokussiert

  6. ... lernen zusammen

  7. ... sind klein

  8. ... sind selbstorganisiert und autonom

  9. ... sind entscheidungsfähig

  10. ... kennen ihren "Reason Why"



Der Weg zur Selbstorganisation


Ein bekanntes Beispiel für selbstorganisierte Teams ist Buurtzorg. Das Unternehmen wurde 2006 von Jos de Blok zusammen mit 4 Kollegen als Non-Profit-Organisation als Gegenbeispiel gegen das ineffektive Gesundheitswesen in den Niederlanden gegründet. Ihr Mottos sind “Menschlichkeit vor Bürokratie” und “We don´t deliver care, we solve problems”.


Bei Buurtzorg gibt es selbstorganisierte Pflegeteams ohne Hierarchien, die u. a. selbstständig über ihr Budget und Neueinstellungen entscheiden dürfen. Zwar sind die Kosten durch das selbstorganisierte System bei Buurtzorg pro Stunde gestiegen, aber für die Pflege der Personen sind weniger Stunden nötig. Es wurde ausgerechnet, dass das Gesundheitssystem in den Niederlanden 40 % der aktuellen einsparen könnte, wenn sie das Buurtzorg-System übernehmen würde. Buurtzorg startete in 2018 eine Pilotphase in Deutschland, musste sich aber Anfang 2022 zunächst wieder zurückziehen.


Als Agile Coach unterstütze ich Unternehmen und Organisationen dabei, Teams zu enablen und zu empowern. Dabei ist zunächst eine Bestandsaufnahme wichtig - wo steht das Team jetzt? Wieviel Agilität und Selbstorganisation ist gewünscht? Und warum? Was wären die Konsequenzen von erhöhter Selbstorganisation der einzelnen Teams? Trägt die Organisation diese Konsequenzen aktuell schon? Diese und weitere Fragen sind dabei im Gespräch mit keinen Kunden zentral. Die Interventionen reichen von individuellen Trainings über Team-Coaching bis hin zu kompakten Organisationsentwicklungsprozessen.


Fazit:


In der Vuka-Welt werde immer häufiger selbstorganisierte Teams gegründet, um den komplexen und dynamischen Herausforderungen der Märkte begegnen zu können. Es gibt drei Ebenen des selbstorganisierten Arbeitens. Selbstorganisiertes Arbeiten folgt auch stets gewissen Grundregeln. Ein gutes Beispiel für erfolgreiche selbstorganisierte Teams ist Buurtzorg aus den Niederlanden.


Sie benötigen eine Beratung oder ein Training zum Thema selbstorganisiertes Arbeiten oder agilen Themen? Dann kontaktieren sie mich hier für ein unverbindliches Kennenlerngespräch.

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